Schreibaby-Ambulanz hilft Eltern in Not

Coronakrise Menschen Pänz

Mit ihrer 2013 gegründeten „Schrei-Baby-Ambulanz“ und ihrem Youtube-Kanal hilft Kerstin Magens jungen Müttern zu verstehen, warum ihr Baby ständig weint oder scheinbar keine körperliche Nähe mag. Als Ergotherapeutin mit Schwerpunkt Pädiatrie stellte sie eines Tages fest, dass sich die klassischen ergotherapeutischen Maßnahmen hauptsächlich auf die Auffälligkeiten des Kindes fokussieren, anstatt bei den Auslösern anzusetzen. Denn oft liege die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten in der Eltern-Kind-Bindung – nicht im Kind selbst, sagt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin, die seit vielen Jahren in Ehrenfeld lebt. Sie möchte Müttern dabei helfen, zu einer natürlichen, intuitiven Mutter-Kind-Bindung zurückzukehren.

Das Baby will nicht kuscheln? „Doch, will es“, sagt Magens. „Aber es bekommt Stress vermittelt, anstatt echter Nähe. Deswegen lehnt es Nähe scheinbar ab.“ Der Grund für den Stress: „Viele Eltern bekommen totale Not, wenn das Baby schreit“, weiß sie als Beraterin vieler junger Familien. Die gefühlte Hilflosigkeit führt zu Stressempfinden bei der Mutter und überträgt sich auf das Kind, das dann noch mehr schreit. „Kinder spiegeln viel von dem was im Außen ist“, ist sich Magens sicher. Doch wie soll man als junge Mutter oder junger Vater gelassen bleiben, wenn das Baby einfach nicht aufhört zu weinen?

Die möglicherweiser langfristigen Folgen der Corona-Krise auf die Psyche von Kindern bereiten Kerstin Magens Sorgen: „Ich erlebe, dass viele Kinder, wenn sie sich beispielsweise weh tun, nicht mehr getröstet werden wollen, weil ‚Körperkontakt ja verboten ist'“.Der Gedanke „Körperkontakt darf nicht sein“ prägt sich tief in uns ein, fürchtet sie. (Foto: Knipskind.de)

„Gerade die Schreibabys haben etwas zu sagen und ich helfe bei der Übersetzung“, sagt die 43-jährige.“Das Schreien ist nichts anderes als erzählen, denn das Baby kann ja nicht sprechen.“ Handlungsbedarf bestehe immer dann, wenn die Situation anfange die Eltern zu belasten, so Magens. Häufig würden die Kinder einfach als „High Need Baby“ abgetan, das Dauerweinen als Dreimonatskolik. Dabei stecke nicht selten etwas anderes dahinter. Magens Ziel ist es, den Eltern die Ursachen für das Verhalten des Kindes aufzuzeigen.

Zu Beginn der Beratung steht ein ausfühliches Telefonat, wenn nötig auch ein Hausbesuch. Das weitere Coaching verläuft hauptsächlich über Sprachnachrichten mittels des Messengers „Threema“. Die Eltern können ihre Fragen und Sorgen zu jeder Tages- und Nachtzeit schicken. Die Antwort kommt ebenfalls per Sprachnachricht innerhalb von 24 Stunden, im Normalfall sogar deutlich schneller. Das Coaching besteht aus verhaltens-, sowie körperpsychotherapeutische Methoden, die „ungünstige Muster lösen“ und die Verbindung zwischen Mutter und Kind stärken sollen.

Relevant für die „Anamnese“ ist dabei auch oft die eigene „Baby“-Geschichte der Eltern: Viele seien selbst schreien gelassen worden, haben unterschiedliche frühkindliche Traumata erfahren. Die Methode des unbegleiteten „Schreienlassens“, die noch heute in dem bekannten Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“ empfohlen wird, hält sie für fatal, warnt aber vor einem Missverstandnis: „Nicht das Schreien an sich ist schlimm, sondern das unbegleitete Schreien, oder wenn die Eltern dabei aus empfundener Hilflosigkeit selbst in Not geraten.“ Eltern sollten für die Kinder ein „Leuchtturm“ sein, innerlich so stabil, so dass es ihnen gelingt ihrem Baby stressfrei „zuzuhören“. Das „Wie“ lernen sie im Coaching.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass sowohl das unbegleitete Schreienlassen, als auch die im Vergleich zu früheren Menschheitsepochen geringere körperliche Nähe zwischen Mutter und Kind heutzutage langfristige Folgen auf Körper und Seele des Kindes haben können. Seit der Industrialisierung ist es für Eltern selbstverständlich, dass das Kind im eigenen Bettchen schläft, im Kinderwagen geschoben wird, anstatt wie früher üblich bei den Eltern zu schlafen und am Körper getragen zu werden. Dadurch hat es jedoch deutlich weniger Körperkontakt, als von der Natur vorgesehen. Körperkontakt sorgt jedoch für die Ausschüttung des für die Entwicklung des Kindes so wichtigen Hormons Oxytocin, was unter anderem die Mutter-Kind-Bindung stärkt, Stresshormone abbaut und dadurch ein „Urvertrauen“ entstehen lässt.

1710 Abonnenten folgen Kerstin Magens auf Youtube, wo sie Tipps im Umgang mit dem Baby gibt. Auch auf Instagram ist sie aktiv.

Die Problematik gerade des unbegleiteten Schreienlassens liege im „Steinzeitgehirn“ des Babys, erklärt die ausgebildete Krisenbegleiterin für Schwangerschaft, Geburt und erste Lebenszeit. Wurden Babys in früheren Menschheitsepochen von ihren Eltern getrennt, sei das für sie „hochexistentiell gefährdend“ gewesen. Der Grund, warum sich die Kinder nach einer Weile des Schreiens scheinbar beruhigen, ist in Wahrheit recht traurig: „Sie geben einfach auf“, so Magens. „Das Baby weiß nicht, dass es im sicheren Kinderzimmer liegt, sondern spürt nur, dass es allein ist und die Eltern auf sein Schreien nicht reagieren.“ Das sorgt für extremen Stress beim Baby. Denn beim Schreien schüttet der Körper Cortisol aus, das sogenannte „Stresshormon“. Wird das Baby jedoch auf den Arm genommen und getröstet, hört es vielleicht nicht gleich auf zu weinen. Doch durch die Berührung der Mutter wird Oxytocin ausgeschüttet, das für eine Absenkung des Cortisolspiegels sorgt. Lässt man es hingegen schreien, bleibt der Cortisolspiegel länger erhöht, was sich negativ auf Nerven- und Immunsystem sowie den Stoffwechsel auswirken kann. Besonders wenn das Schreien zum Dauerzustand wird. Die möglichen langfristigen Folgen auf die Entwicklung des Kindes: stärkerer Hang zur Ängstlichkeit und Stressempfindlichkeit, wie wissenschaftliche Studien belegen.

Was die von der Ratgeberliteratur, aber auch von Kinderärzten propagierte Methode des Schreienlassens um „schlafen zu lernen“ für Auswirkungen auf das spätere Verhalten und die Psyche des Kindes haben kann, weiß sie auch aus ihrer Berufsalltag. Oft kommen Mütter zu ihr, die diese Methode angewendet haben, wenn das Kind im Alter von 1-2 Jahren plötzlich Essstörungen entwickelt. Sind körperliche Ursachen ausgeschlossen, stecke oft der Wunsch der Kinder nach Aufmerksamkeit dahinter, meint die Ergotherapeutin. Die bekommen sie spätestens dann von Mama und Papa, wenn sie beispielsweise das Essen verweigern. In mehr als zwei Jahrzehnten ergotherpeutischer Arbeit stellt Kerstin Magens eine Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten, wie ADHS, Autismus, Aggressivität und Ängstlichkeit bei Kindern fest.

All die kleinen „Fehler“ im Umgang mit dem eigenen Baby führen laut Magens zwar in der Regel nicht zu einem großen „Schocktrauma“, aber dafür zu vielen kleinen sogenannten „Entwicklungstraumata“, die fast alle Menschen in irgendeiner Art und Weise in der frühen Kindheit erfahren haben und die uns bis ins Erwachsenenalter prägen. Die gute Nachricht jedoch: „Man kann viele ‚Fehler‘ rückgängig machen“, ist sie sich sicher.

Auch wenn sich ihr Ursachen-orientierter Ansatz von der klassischen Art der Ergotherapie unterscheidet, bleibt das Ziel ihres Coachings jedoch das gleiche: „Die Familie wieder handlungsfähig zu machen und nicht jahrelang zu therapieren. Ich versuche den Eltern Halt zu geben, damit sie ihrem Kind Halt geben können.“ Haben es die Eltern aus der innerlichen Stressfalle geschafft, können sie dem Baby als „Leuchtturm“ die Geborgenheit und Sicherheit bieten, die es braucht, um zu gedeihen. „Es spürt dann, dass Körperkontakt etwas Schönes ist, etwas, wo man sich fallenlassen darf.“ Es entwickelt Urvertrauen.

 

 

Links:

www.kerstinmagens.com

zum Youtube-Kanal von Kerstin Magens

 

 

Quellen:

Forschungsbericht „Gene lernen aus Stress“ des Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Artikel „Epigenetik zwischen den Generationen“, Max-Planck-Gesellschaft